unsicht (2011 / 2013)


[...] die Küsse dessen, der geht, an der Tür dessen, der bleibt, jenen von vorgestern und denen von übermorgen zum Verwechseln gleich, die denkwürdigste erste Nacht war nur eine und ging alsbald verloren, verschluckt von den Wochen und der Abfolge von Monaten, die sie verdrängten; und irgendwo wird es Streit geben, und eine Flasche fliegt, oder jemand schmettert sie - den Hals umklammernd wie den Griff eines Dolches - gegen den Tisch dessen, der ihm Leid zufügt, und nicht die Flasche zerbricht, sondern die gläserne Tischplatte, aber das schäumende Bier quillt hervor wie Urin; auch wird ein Mord begangen, oder ist es Totschlag, weil es nicht geplant war, es geschieht einfach, ein Streit und ein Schlag, ein Schrei, und etwas wird aufgeschlitzt, die Offenbarung oder das plötzliche Erkennen der eigenen Enttäuschung, erfahren, hören, kennen oder sehen, der Tod wird mitunter durch das Bejahende und Aktive herbeigeführt, aber verscheucht oder hinausgeschoben durch Ignoranz und Überdruß und das, was immer die beste Antwort ist: >Ich weiß nicht, keine Ahnung, wir werden schon sehen.< Es gilt zu warten und zu sehen, und niemand hat von irgend etwas Ahnung, nicht einmal von dem, was er tut oder beschließt oder sieht oder erleidet, jeder Moment löst sich früher oder später auf, mitsamt seinem stetig steigenden Grad von Unwirklichkeit, und alles strebt der Verflüchtigung entgegen in dem Maße, wie die Tage und auch die Sekunden vergehen, die die Dinge zu stützen scheinen und sie in Wahrheit austilgen: Verschwunden sind der Traum der Krankenschwester und das nutzlose Wachbleiben des Studenten, verschmäht oder unbemerkt die Schritte der sich anbietenden Dirne, die vielleicht ein verkleideter und kranker Mann ist, verwünscht die Küsse der Liebenden nach Ablauf von ein paar Monaten oder Wochen, nicht zuletzt weil sie ohne Ankündigung die Nacht des Finales herbeiführten - den Abschied, erleichtert und verbittert; ersetzt die Glasplatte des Tisches, verflüchtigt der Zank wie der Rauch, der ihn in der fraglichen Nacht umwölkte, obwohl der, der Leid zufügte, dies womöglich weiterhin tut; und der Mord oder Totschlag - es gibt soviele davon - einfach abgehakt, als wäre er eine belanglose und überflüssige Verknüpfung mit den Verbrechen, die bereits vergessen sind und von denen man keine Ahnung hat, und mit denen, die vorbereitet werden, von denen man sehr wohl Ahnung haben wird, aber nur, damit man sie irgendwann nicht mehr hat.

[...] Alles strebt der Verflüchtigung entgegen und verliert sich, und wenige Dinge hinterlassen eine Spur, vor allem wenn sie sich nicht wiederholen, wenn sie nur einmal geschehen und dann nie wiederkehren, so wie jene, die sich allzu behaglich einnisten und täglich wiederkehren und sich aneinanderreihen, und auch die hinterlassen keine Spur.

(aus: "Morgen in der Schlacht denk an mich" von Javier Marias)



   

metamorphosis into sandpaper (2013)



unsicht (2013)- photos on sandpaper, shown at the groupshow multiskiller at freyer markftforschung, berlin ku´damm